Seit heute ist es traurige Gewissheit. Der in der Ostsee gestrandete Wal, der liebevoll Timmy getauft wurde, ist tot. Timmy heißt er, weil er erstmals am Timmendorfer Strand gestrandet ist. Eingewickelt in ein Geisternetz aus der Fischerei.
Okay, jeder interessierte Mensch in Deutschland kennt die Geschichte aus anderen Medien. Nun bin ich kein Bratwurstverkäufer, der überall seinen Senf dazugeben muss, aber in diesem Falle schon. Denn es gibt Fragen über Fragen!
Zwei Millionen Euro hat die Rettungsaktion bisher gekostet. Privat finanziert. Das finde ich toll! Die letzten Rechnungen einiger Schiffe sind noch gar nicht da, also kommt da noch etwas dazu…
Aber: Was ist eigentlich mit den anderen 299.999 Walen, die weltweit jährlich in Fischer- und Geisternetzen gefangen sind? Was ist die Ursache, warum sich Wale verirren? Sie hören ihren eigenen Gesang nicht mehr. Sie werden „umbrummt“ von jeder Menge Schiffsmotorgeräuschen, von dem Getöse der in den Meeren platzierten Windparks – und wann will der Mensch mal aufhören, die Meere und ihre Bewohner zu zerstören?
Und warum schert sich in der Politik NIEMAND um den alljährlichen, blutigen Walfang in Norwegen, Japan, Island, Indonesien, Grönland, in den Teilen von Alaska, und den Färöer Inseln? Blutige, gruselige Geschichten!

Bei aller Schönheit der Ostsee – unter der Wasseroberfläche lauern Gefahren für verschiedene Meeresbewohner durch Stellnetze, Geisternetze und vor allem Lärm durch rege Schiff-Fahrt und Windparks.
Und jetzt sitzt – oder saß eben – einer von all den Vielen auf einer Sandbank fest. Vielleicht war diese Rettungsaktion Liebe zu einer Seele, die sich verschwommen hat? Einer hilflosen Seele darf doch geholfen werden. Oder? Tolle Sache!
Zumal Timmy noch recht jung gewesen sein soll. 4-6 Jahre jung. Okay, da kann man sich schon mal verirren. Ist mir auch schon passiert in diesem Alter. Ein Matchboxauto – und immer an der Hauswand lang. Irgendwann war ich irgendwo in der Stadt. Alle haben mich gesucht, sogar die Polizei – und natürlich gefunden. Gibt ja nur einen Jungen, der verträumt mit einem Spielzeugauto an der Wand langläuft – und alles Andere ist ausgeblendet. So wird es Timmy wohl ergangen sein.
Aber WARUM wurde Timmy dort ausgesetzt, wo es für ihn am gefährlichsten war? Mit den – so wurde berichtet – Worten des Kapitäns, oder eines Offiziers: „Jetzt sind wir das Mistviech endlich los.“ Die Einen bezahlen aus Liebe Millionen, die Anderen hassen ihren Job. Ich würde sie nicht bezahlen. Also maximal den Sprit!
Ja, und Swammy ist der Schwan, diese Geschichte ist auch sehr spannend, wenngleich eben auch traurig, und kommt gleich im Anschluss an Timmy.
Weiterlesen: Der Buckelwal Timmy ist tot. Swammy auch.
Zunächst bleibe ich bei Timmy. Ausgesetzt dort, wo die Strömung Richtung Ostsee am Größten ist? Nach dem ganzen Aufwand hätten sie ihn doch wenigstens noch ein paar Kilometer weiter in die richtige Nordsee schaffen können. Am besten dorthin, wo sich Nordsee – das Randmeer des Atlantik – mit dem Atlantik verbindet. Aber nöö, im Strudel von Nordsee Richtung Ostsee, dort wird er rausgescheucht. Böse Falle in diesem Jahr. Weil:
Seit Anfang Januar gab es heftigen Ostwind. Immer und immer wieder. Der drückte das Wasser der Ostsee in die Nordsee. Das letzte Mal vor etwa 20 Jahren. Die Ostsee ist ja weiter auch nichts als die größte (und schönste) „Brackwasserpfütze“ der Welt. Vor ca. 12.000 Jahren, als die Eiszeit zu Ende ging, blieb eben in den Tälern das Wasser zurück. Ausgetrocknet wäre sie auch ohne die Nordsee nicht, da es Flüsse gibt, die sie speisen. Aber der relativ kleine Zugang zur Nordsee macht es spannend. Dadurch bekommt die eigentliche Süßwasserpfütze nämlich den bisschen salzigen Geschmack. Viel ist es nicht. Um genau zu sein, so wenig, dass sich Süßwasserfische (Zander, Aal & Co) daran gewöhnen konnten. Vor allem in den Boddengewässern.
Die Ostsee ist ca. 412.000 Quadratkilometer groß, also ein bisschen größer als Deutschland. Die tiefste Stelle: südlich von Stockholm im westlichen Gotlandbecken, mit 459 Meter. Vor dem Darß oder Rügen sind es manchmal nur 10 Meter, oder 25. Im Durchschnitt 52 -54 Meter.
Und aus dieser Ostsee hat der Ostwind das Wasser vertrieben. Seit Anfang Januar. Fast unaufhörlich. Der Wind war so böse, dass ich nicht mal mehr Fahrrad fahren wollte. Stark, kalt, nass, eklig. Für die Ostsee aber ist es nicht schlecht. Es ist 20 Jahre her, dass es mal so etwas gab. Aber es muss ab und zu mal sein, damit beim Rückfluss wieder Salz in die Ostsee kommt. Und gerade, wenn es kalt ist, bringt das Wasser mehr Sauerstoff mit, von dem die tiefen Ostseebecken profitieren.
Dieses Jahr allerdings lag der Wasserpegel der Ostsee 67 Zentimeter unter Durchschnitt. Laut Leibnitz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde. Und das ist ein Batzen! 275 Kubik-Kilometer (!) fehlten im Vergleich zum Durchschnitt.
Und jetzt, wo der Wind sich dreht, schwappt es zurück. Bringt endlich wieder Salz in die Ostsee und mit Glück auch kaltes Wasser, was die seit 20 Jahren anhaltenden erhöhten Tiefenwassertemperaturen beenden könnte.
Und Timmy wird GENAU DORT ausgesetzt. Warum?
Das ist, wie wenn ich zwei Aquarien miteinander verbinde, aber mit einem Schieber, so dass ich eins ganz voll machen kann, das Andere nur halbvoll. Und dann ein Fischlein in das volle, und dann den Schieber aufmachen. Das Fischlein wird in dem anderen Becken landen. Reine Physik. Sogkraft und so.
Es bleibt dabei, was Timmy betrifft: Fragen über Fragen. Behaupten kann und will ich nix, ich war nicht live dabei.
Fakt ist: Seit dem Beginn der Messungen im Jahr 1886 war der Tiefstand der Ostsee noch nie so groß. Und der Rückfluss zumindest ein Nachteil für Timmy.

am 12. Juli 2005
Andere tote Wale gab es auch schon in der Ostsee. Da freuen sich zwei Segler über die Erfahrung, vor der Insel Rügen einem toten Wal zu begegnen. Ich durfte das von ihnen gemachte Foto im Auftrag der Bildzeitung reproduzieren. Ich glaube, mich erinnern zu können, dass es wohl ein Finnwal war. Okay, 21 Jahre her. Aber an die Sauerei, die sie dann auf dem Dänholm gemacht haben: Da war nix mit natürlicher Nahrungskette… Nee, sie haben ihn aus dem Meer abgeschleppt, auf diese Insel zwischen Stralsund und Rügen gebracht, auf den Beton gehievt und mit riesigen Spateln zerschlachtet. Tierisch beißender Gestank und – riesige Sauerei. Warum das? Keine Ahnung. Diese Bilder zeige ich hier auch bewusst nicht. Beim Menschen heißt es: „Störung der Totenruhe“. Beim Wal: Egal. Wie ein Abrisshaus haben sie ihn behandelt.
Und jetzt: Swammy
Swammy ist der Schwan, den habe ich so getauft. Ich hätte ihn auch Sammy nennen können. Weil er in Samtens auf Rügen gelandet ist. Aber Sammys gibt es schon, und weil er eben ein Schwan war, kann dieses „W“ ruhig mit rein.
Und nun schau Dir mal das Titelfoto noch einmal genau an, oder besser, ich zeige es Dir hier noch einmal:

Hast Du schon einmal einen Schwan im Arm gehabt, der Dir sooo tief in die Augen blickt? Mit Sicherheit nicht. Weil Schwäne entweder im Wasser sind, oder mit atemberaubenden Geräuschen die Lüfte erobern. Und ehrlich: Dieses Foto ist vor Jahren mit einem Teleobjektiv entstanden, weil er mich so süß angeschaut hat. Aber zu greifen bekommst Du diese Tierchen nicht. Denn wenn sie sich dann länger an Land aufhalten, dann haben sie Eier zu brüten, oder gerade ganz frische neue Schwänchen. Und wehe, Du kommst ihnen dann zu nahe. Dann haste aber Geburtstag! Da gibt es nur eins: Lauf, lauf, lauf!
Swammy aber war anders.
Ich ging kurz zum Supermarkt, eine Kleinigkeit erledigen. Auf dem Weg dahin standen fünf, oder sechs oder sieben Jugendliche ganz aufgeregt und alle telefonierten. Eine sagte: „Ich habe auch gerade schon mit der Polizei telefoniert“ – „Warum?“ fragte ich im Vorbeigehen. Sie gestikulierte nur getreu dem Motto: „Ich telefoniere“. Okay. Ging ich weiter. Auf dem Rückweg standen sie 100 Meter weiter alle auf der Straße.
Ein Auto kam (mit deutlich mehr als 50 km/h) von hinten. Dunkle Klamotten bei den Teenies, dunkle Straße und dunkel war es überhaupt. Ich habe gedanklich schon dieses Plop Plop Plop – Geräusch gehört, wie Menschen über die Motorhaube fliegen, aber in letzter Sekunde hat der Fahrer es bemerkt und hat einen krassen Schlenker auf die Gegenfahrbahn gemacht. Es war sehr sehr grenzwertig. Zum Glück kam gerade keiner entgegen, sonst hätte es in irgendeiner Form ein riesiges Drama gegeben.
Da sehe ich den Schwan und die Teenies drum herum. Zuerst bin ich hundert Meter nach Hause gesprintet, habe meine Taschenlampe geholt, die an der Seite eine brutale blau-rote Blinkfunktion hat, und die auf die Straße gestellt. Sicherheit da.

Schwäne sind schon sehr imposante Tiere
Ja, und da ist dieser Schwan mitten auf der Straße. Beschützt von lieben Menschen. Erstaunlich, dass es so etwas in dieser Altersklasse gibt. Plötzlich macht Swammy es wie Timmy: „Ich bin dann mal weg.“ Fliegen wollte er, konnte aber nicht. Es war eher ein Rennen mit Flügelschlägen. Bis zur nächsten Falle. Das war dann in einer Querstraße, 50 Meter weiter. Da steckt er seinen langen Hals durch ein Gartentor und flattert wie wild.
Das tat mir in der Seele weh, also dieses Zusehen müssen. „Eh, Du bist doch keine Katze“, habe ich ihm zugerufen, habe mich gebückt, seine Flügel festgehalten, eine Minute später bin ich aufgestanden und hatte einen Schwan im Arm. Und der hat mich genau so angeschaut, wie auf dem Foto. Streckt seinen Hals nach hinten und guckt mir in die Augen. Getreu dem Motto: „Wer bist Du denn?“ Und ich hatte seine Flügel unter Kontrolle, er fühlte sich wohl. Aber erst dann, wenn Du so einen Schwan auf dem Arm hast, weißt Du, dass es keine 7-Kilo Weihnachtsgans ist. Der hatte RICHTIG Gewicht! Und seine Füßchen, egal, wie es in der Fachsprache heißt, sind auch riesig groß, aus der Nähe betrachtet.

Wenn ein Schwan stirbt: Hier liegt er, kann seinen Kopf nicht mehr heben. In wenigen Minuten ist er tot. Das betraf sehr viele Schwäne auf Rügen im Jahr 2006. Hier an der Wittower Fähre.
Lange Rede, kurzer Sinn: Dann kam endlich die Tierrettung – eine Frau steigt aus dem Auto, geifert mich an: „Sind Sie wahnsinnig, ohne Handschuhe und Schutzkleidung? Der hat Vogelgrippe! Sofort nach Hause und die Klamotten in die Waschmaschine und den Körper desinfizieren…“ – „Gut Mädchen, mach ich.“ Dann durfte ich den Schwan in sein „Reisebett“, sprich in einen Käfig im Hundefänger legen und Tschüs sagen. Sie haben ihn später sanft eingeschläfert.
Und ich mich auch. Ich habe im Keller endlos Desinfektionsmittel, ich hätte damit pur duschen können. Aber warum? Hände waschen, Zähne putzen, ab ins Bett.
Es heißt ja Vogelgrippe. Und ich bin kein Vogel. Und wenn doch, dann ein schräger. Aber von Schrägvogelgrippe habe ich noch nichts gehört.
Klar habe ich am nächsten Morgen normal geduscht und die Klamotten in die Waschmaschine gesteckt. Mit der Erkenntnis: Menschenblut geht raus. Paar Tricks und Kniffe… Schwanenblut: No Chance. Da hat sich der arme Kerl doch irgendwie verletzt am Gartentor.
Die Vogelgrippe kam übrigens im Februar 2006 erstmals so richtig auf der Insel Rügen an – also genau vor 20 Jahren. Damals hat es auf Rügen nachweislich auch eine Katze erwischt.
Im letzten Winter starben auch unzählige Kraniche auf ihrer Reise in die Winterquartiere.

Im letzten Winter traf es auch sehr viele „Glücksvögel“, die Kraniche
Und Swammy hat es eben auch erwischt. Obwohl: Woher wusste die Frau vom Wildtierschutz, dass er Vogelgrippe hat? Sie hat ihn weder begutachtet, noch gesehen, geschweige denn, untersucht. Sie hat es den Jugendlichen ja am Telefon schon gesagt.
Vielleicht hatte er einfach nur Stress mit Frauchen und ist vor Ärger wild losgeflogen und in der Aufregung gegen ein Hindernis geflogen – und war wegen einer Gehirnerschütterung bisschen desorientiert? Wer weiß, wer weiß?
Fotos/ Repro: copyright Marius Jaster
PS:
Zur Vogelgrippe von 2006 habe ich auch Fragen gehabt. Montag wurden die toten Schwäne an der Wittower Fähre auf Rügen entdeckt.
Dienstag war die gesamte deutsche Medienlandschaft da.

Manche Schwäne fühlen sich im Presserummel wohl
Am Samstag dann, da haben es die Verantwortlichen im Kopp gekriegt.
14:00 Uhr war die Bundeswehr auf dem Rügendamm und fing an, jedes einzelne Auto zu desinfizieren. Zwei Minuten jedes Auto einzeln. Ruckzuck war der Stau am anderen Ende der Insel angekommen. Die Rügenbrücke befand sich noch im Bau und wurde am 20. Oktober 2007 feierlich eröffnet. (Foto von der Eröffnung ganz am Ende des Artikels)

Rügendamm am Dänholm – hier wird das erste Auto von der Insel in Richtung Festland von der Bundeswehr desinfiziert.
Stau innerhalb weniger Minuten.
Nur eine Stunde später wurden Seuchenwannen aufgebaut. Für die Autos und die Fußgänger.

Die Bundeswehr beim Aufbau der Seuchenwannen. Fußgänger laufen bereits durch. An der Autowanne wird noch gebastelt. Die Frage war nun: Wenn es von Montag Abend bis Samstag 14:00 Uhr OHNE ALLES ging, und am Samstag 15:00 Uhr die Seuchenmatten aufgestellt waren, warum musste dann von 14:00 bis 15:00 Uhr die Sprühaktion, die einen Megastau auslöste, durchgeführt werden?

Angela Merkel, Till Backhaus, Kerstin Kassner – alles hochrangige Politiker waren „im Anflug “ für eine Pressekonferenz im Feuerwehrgelände in der „Inselhauptstadt“ Bergen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt 🙂

Fotos: copyright Marius Jaster
Zum Abschluss eine lustige Episode am Rande
Als ich auf dem Rügendamm die Aufbauarbeiten der Seuchwannen fotografisch begleitete, musste ich jedes mal, wenn ich hin und her lief, über diese Matte. Der Einsatzleiter ließ da auch gar nicht mit sich reden. „Nicht ein einziger Virus darf die Insel verlassen. Da haben wir unsere Vorschriften.“ Ich sage: „Okay, dann macht Eure Arbeit aber auch ordentlich, denn wenn ich ein böser Mensch wäre, würde ich im Anschluss an die Pressekonferenz von Frau Merkel mit meinem Auto noch einmal zur Wittower Fähre fahren. Und dann so richtig in der Schwanenscheiße rumtrampeln, dann so einen toten Schwan in einen großen Rucksack packen. Und dann setze ich mich in die Eisenbahn und fahre direkt an Euch vorbei. Direkt nach Berlin oder so. Ich winke Euch dann auch.“ In dem Moment fuhr auch gerade ein Zug vorbei. (Die Bahnstrecke verläuft parallel zur Straße.)
Der Blick: UNBEZAHLBAR!

Das ist das Eröffnungsfeuerwerk für die Rügenbrücke am 20. Oktober 2007. Der blaue Strich ist eine fast 3 km lange Installation von Neonröhren am Brückengeländer. (Foto: Marius Jaster)


































